Klimakolumne

01) Kultur im (Klima-)Wandel

Sie werden sich vielleicht fragen, warum wir uns als Museumsmitarbeiter*innen, Restaurator*innen und Kunstinteressierte hier mit der Klimakrise befassen. Wer von uns hat nicht von der Klimakrise gehört, sich vielleicht selbst die ein oder andere hitzige Debatte zu möglichen Ursachen und Lösungen geliefert oder weiß, um ehrlich zu sein, gar nicht, was das alles mit der eigenen Person und auch noch mit Kunst und Kultur zu tun haben soll. Absolut verständlich, die Klimakrise wirkt zuweilen immer noch abstrakt, schwer zu begreifen und noch schwerer zu lösen. 

Warum fordern wir den Themenkomplex Klimakrise stärker in unsere Institutionen einzubeziehen? Wo tragen wir zum Problem bei und wo können unsere Beiträge zur Lösung liegen?

Museen und damit auch ihre Beschäftigten haben sich folgenden Aufgaben verschrieben: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln.(1) Fakt ist, dass ein sich stark erhitzender Planet mit all seinen Konsequenzen unsere Institutionen und Mitarbeiter*innen an der Erfüllung dieser Aufgaben immer stärker hindern wird. Betrachten wir beispielsweise die Aufgabe der Bewahrung: „Objekte vor dem Verfall zu schützen und für kommende Generationen zu bewahren, gehört zu den primären Aufgaben des Museums.” (2) Museumsmitarbeiter*innen, Restaurator*innen, Sammler*innen und andere arbeiten bereits seit Jahrhunderten daran, Kunst- und Kulturgut zu bewahren. Daraus folgt zwangsläufig der Wunsch, dass diese Arbeit auch für die kommenden Jahrhunderte fortgesetzt wird. Nehmen wir diesen Auftrag ernst, müssen wir logischerweise auch die Klimakrise berücksichtigen, da sie Natur, Menschen, Kultur, Wirtschaft und andere gesellschaftliche Strukturen in ihrer Stabilität bedroht.

Soweit so gut, beziehungsweise schlecht. Aber was genau sollen wir bekämpfen und wie? Was ist, wenn wir nichts tun? Was erwartet uns in den nächsten 100 Jahren?

Zunächst zu den wissenschaftlichen Zahlen: Derzeit verzeichnen wir einen Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur von +1,1°C im Vergleich zu Temperaturen Ende des 19. Jahrhunderts. Laut Deutschem Wetterdienst sind es in Deutschland sogar bereits +1,6°C. (3) „Die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre haben nachdrücklich bestätigt, dass der Klimawandel real ist und durch die Aktivitäten des wirtschaftenden Menschen ausgelöst wird.“ (4) Nehmen Treibhausgaswerte im selben Maße zu wie bisher, prognostiziert der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) eine durchschnittliche Erderhitzung von +4,8°C bis 2100. (5) Nur um das in eine Perspektive zu rücken: Als die globale Durchschnittstemperatur vor 11.000 Jahren im Vergleich zu heutigen Temperaturen um ca. vier Grad niedriger lag, befand sich Berlin unter einer 500 Meter dicken Eisschicht, Skandinavien sogar unter 2-3 Kilometer dickem Eis. (6) Natürliche Temperaturschwankungen, die hier noch langsam verliefen, verlaufen nun durch den menschlichen Einfluss wesentlich schneller und dramatischer.

Die internationale Staatengemeinschaft hat sich mit Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2015 dazu entschlossen, die Erderhitzung so weit wie möglich unter +2°C, möglichst auf +1,5°C zu beschränken. (7) Man weiß, dass jedes „eingesparte“ Zehntelgrad dabei erhebliche Auswirkungen auf die Häufigkeit und Intensität der zu erwartenden Schäden hat. (8) Dazu zählen Extremwetterereignisse, daraus folgende Unsicherheiten in der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser, Migrationsbewegungen, kriegerische Konflikte, Steigerung gesundheitlicher Risiken – darunter auch Pandemien – sowie massive ökologische und ökonomische Schäden. Diese Auswirkungen betreffen uns im Kulturbereich direkt und indirekt und das schon jetzt. 

Es geht hier sicherlich nicht darum alle Kulturschaffenden zu Klimaforscher*innen auszubilden. Warum dann all die Zahlen? Einerseits ist wichtig zu unterstreichen, dass wir diese Debatten nur auf Grundlage solider, naturwissenschaftlicher Untersuchungen führen können. Dazu bedarf es Transparenz und einer rationalen Darstellung der Ausgangslage. Andererseits soll es auch zeigen, dass derzeitige Forderungen nach zügiger Umsetzung geeigneter Maßnahmen absolut gerechtfertigt sind. Laut Untersuchungen des Wuppertal Instituts sind die derzeitigen Klimaziele der Bundesregierung „nicht vereinbar mit einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C oder auch nur auf deutlich unter 2 °C; Sie würden zu mehr als doppelt so hohen CO2-Gesamtemissionen führen wie ein nach dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) 1,5-°C-kompatibler Pfad.“ (9) Dies wurde im Frühjahr 2021 auch durch das Bundesverfassungsgericht bestätigt. (10) Die Studie des Wuppertal Instituts zeigt auch, dass Deutschland bereits bis 2035 CO2-Neutralität erreichen müsste, um einen angemessenen Beitrag zum +1,5°C-Ziel zu leisten. (11)

Klimaneutral bis 2035 – das sind nicht die Jahrhundertmaßstäbe, in denen wir normalerweise denken. Im Anbetracht der möglichen Konsequenzen scheint es doch nur logisch, dass auch Museen sich hier und jetzt mit der Klimakrise beschäftigen müssen – vor allem wenn sie sich ehrlich, gewissen- und glaubhaft mit der Umsetzung ihrer Aufgaben auseinandersetzen wollen. Ehrlicherweise ist es ja nicht so, dass wir nicht auch von der Umsetzung der Forderungen profitieren könnten. Viele der geforderten Maßnahmen unterstützen uns ganz direkt in unserem Vorhaben Kunst, historische Artefakte und Kultur zu bewahren. Eine Mobilitätswende könnte Schadstoffbelastungen in Innenräumen senken, eine Energiewende könnte die Zerstörung von Kirchen, Kulturdenkmälern und Dörfern von Kohlekonzernen aufhalten, Ressourcenschonung könnte zu finanziellen Einsparungen im Museumsbetrieb führen, eine aufgeweckte Jugend könnte wieder für Museen begeistert werden und Vieles mehr.

In dieser Klimakolumne soll es nicht darum gehen uns eine weitere riesige Aufgabe aufzubürden. Vielmehr soll es darum gehen das Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit in die Rahmenbedingungen unserer Entscheidungsprozesse einzubetten. Es soll darum gehen, zusammen zu ergründen, was hinter der Klimakrise steckt, wie die Kulturgüter, deren Bewahrung unsere Aufgabe ist, davon betroffen sind und was unsere Beiträge zum Problem sind, aber auch zur Lösung sein können. Wir werden Fragen wie diesen nachgehen: Was bedeutet Klimaneutralität für die Museumslandschaft und Kulturgut? Wie gehen andere Museen mit der Thematik um? Was davon können wir schnell, einfach und kostengünstig adaptieren? Auf welche Ressourcen können Einzelpersonen zurückgreifen? Wir ergründen dabei bereits bestehendes Wissen aus unterschiedlichsten Disziplinen und übersetzen dieses Wissens in für uns relevante und umsetzbare Informationen. Wir werden uns mit konkreten Tipps für die Praxis, mit Werkzeugen, Ideen und Quellen für Lösungsansätze beschäftigen.

Es tut sich gerade jetzt besonders viel an der Schnittstelle von Kultur und Klimawandel. Zahlreiche zeitgenössische Künstler*innen setzen sich vielfach mit dem Thema Klimakrise in ihrer Arbeit auseinander, u.a. Nazahi Mestaoui, Isaac Cordal, Mathilde Roussel und John Sabraw. Initiativen wie Museums For Future, We are Museums oder Das grüne Museum haben sich mittlerweile auch schon etabliert. Wir laden Sie mit dieser Klimakolumne als Individuum und als Teil von Kulturinstitutionen auf diese gemeinsame Reise ein. Eine Reise zu neuen Zusammenhängen und Inspirationen. Und vielleicht auch auf eine Reise, bei der wir als Bewahrer*innen von Geschichte(n) nun auch endlich wieder neue Geschichte(n) schreiben können.

Authorin: Anna Krez

1 https://icom-deutschland.de/de/component/content/article/31-museumsdefinition/147-museumsdefinition.html zuletzt aufgerufen am 12.3.2021.

2 https://www.museumsbund.de/museumsaufgaben/ zuletzt aufgerufen am 12.3.2021.

3 https://www.dwd.de/DE/presse/pressemitteilungen/DE/2021/20200317_pressemitteilung_klima_pk_news.html zuletzt aufgerufen am 12.3.2021.

4 Endlicher, Wilfried: „Der Klimawandel – Einblicke, Rückblicke und Ausblicke“, Endlicher, Wilfried/gerstengarbe, Friedrich-Wilhelm (Hrsg.), Potsdam 2007. Zitat stammt aus dem Vorwort. https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/buecher_broschueren/.images/broschuere_cms_100.pdf, zuletzt aufgerufen am 12.3.2021.

5 https://www.dkrz.de/kommunikation/klimasimulationen/de-cmip5-ipcc-ar5/ergebnisse/Mitteltemperatur zuletzt aufgerufen am 12.3.2021.

6 Quelle: Interview mit Meteorologe Sven Plöger: https://www.hr2.de/programm/gespraech-mit-meteorologe-und-klimaexperte-sven-ploeger,ploeger-klimawandel-100.html zuletzt aufgerufen am 14.3.2021.

7 https://unfccc.int/process-and-meetings/the-paris-agreement/the-paris-agreement zuletzt aufgerufen am 12.3.2021.

8 https://www.klimafakten.de/meldung/neue-infografik-macht-ein-halbes-grad-weniger-erderwaermung-einen-unterschied zuletzt abgerufen am 12.3.2021.

9 https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/projects/CO2-neutral_2035_Factsheet.pdf zuletzt abgerufen am 12.3.2021.

10 https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/rs20210324_1bvr265618.html zuletzt abgerufen am 19.5.2021

11 https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/5169/ zuletzt abgerufen am 12.3.2021.

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