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#zugast: Die happy beginnings eines grünenden Museum Ludwig

Mit Fridays for Future vor der Tür und den Zahlen zur CO2-Bilanz von Museen, wie sie Julie’s Bicycle für Großbritannien und unlängst die Kulturstiftung des Bundes in ihrem Pilotprojekt „Klimabilanzen in Kulturinstitutionen“ vorlegte, lässt sich der Blick nun wirklich nicht mehr abwenden – zum Glück. Wir, das Museum Ludwig, sind Mitverursacherin der Klimakrise. Und unser Fußabdruck, nach dem haben wir uns lange nicht umgedreht. Dabei wissen wir längst, dass die Klimakrise eine Menschheitskrise ist. Es geht um die ganz großen Themen: Gesundheit, Gerechtigkeit, Freiheit. Um nichts weniger. Das sitzt. Und was kann, ja, muss nun ein Museum sein in einer solchen Welt? Reicht es ein kritisches Programm zu erarbeiten, oder kommt es jetzt nicht auch darauf an, engagiert zu handeln? Auch wenn die meisten Museen noch keiner Berichtspflicht unterliegen. Auch wenn das Pariser Abkommen und das Klimaschutzgesetz von Museen noch keine konkreten Maßnahmen fordern? Klimaanlagen, Transporte und Reisen, Beleuchtung etc. haben eben auch einen Einfluss auf die Welt, neben den Ausstellungen, Ideen und Erfahrungen der Besucher*innen. Das Museum hinterlässt beides: einen CO2-Fußabdruck und einen Handabdruck, wie ihn Greg Norris beschrieb. Der Handabdruck, das sind die Impulse, die vom Museum in die Welt gehen und Veränderung bewirken, Gutes bewirken im Sinne der Ökologie, der sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit.
Berichten will ich hier von der Erfahrung am Museum Ludwig als wir anfingen, uns nach unserem Fußabdruck umzudrehen und beschlossen, ein ökologisch engagiertes Museum sein zu wollen. Spoiler an dieser Stelle: Der Weg ist lang und wir sind noch ganz am Anfang, total am Anfang. Insofern ist dies kein Bericht mit Happy End - noch nicht – und auch kein brustgeschwelltes Rekapitulieren einer mühelosen Transformation an deren Ende die verheißungsvolle „Klimaneutralität“ steht. Dies ist ein Bericht von Happy Beginnings.

Nehmen wir das Team Nachhaltigkeit und eine der ersten Aktionen, nämlich die Begrünung der Dachterrasse. Das Team Nachhaltigkeit am Museum Ludwig kann mit Fug und Recht als Graswurzelbewegung bezeichnet werden, denn mit Gräsern fing alles an. Was tun, wenn die mehrere hundert Quadratmeter großen Dachterrassen „verwildern“, wenn Löwenzahn und Co aus den Fugen sprießen? In einer ersten Aktion der Selbstermächtigung fanden sich auf Initiative einer Kollegin Mitarbeiter*innen zusammen, die Lust hatten, einen Nachmittag lang das Kraut zu zupfen – bis klar war, dass es nur allzu schnell nachwächst. Also umgekehrt: Die vorhandene Begrünung und die von den Architekten Busmann + Haberer ursprünglich geplante, konnte Zuwendung gebrauchen. Und warum nicht die stabilen Holzkisten der diversen Kunsttransporte zu Hochbeeten umfunktionieren und die Terrasse zu einem Garten machen, der Lust macht, sich darin aufzuhalten?

Wie sich schnell zeigte, war dafür alles vorhanden: alte Malerfolie zum Ausschlagen der Kisten, weiteres Holz von vergangener Ausstellungsarchitektur. Äste, Holzhecksel und Erde bekamen wir per Amtshilfe vom Forst- und Grünflächenamt der Stadt und die Pflanzen ließen sich im Rahmen einer Veranstaltung erwerben. Gemeinsam mit Besucher*innen wurden Seedbombs geworfen, Sedum, Lavendel und wilder Wein gepflanzt. Der Anfang war gemacht. Und wann immer eine Kiste und weiteres Material anfällt, machen wir weiter.
Schritt für Schritt. Denn das ist doch eine der wichtigsten Übungen auf dem Weg hin zu einem grünen Museum: sich nicht zu verknoten im Übereifer. Es ist ein Langstreckenlauf. Vielleicht ist die Metapher des Laufs aber auch gar nicht ganz passend, denn das würde bedeuten, es gäbe einen Start, ein Ende und eine klare Bahn.
Zurück zur Dachterrasse: Berührung mit den Transportkisten haben am Museum zunächst die Abteilungen Art handling, Restaurierung und Registrars, hinzu kommt die Schreinerei, die Hausinspektion. Durch Gespräche und Berichte ins Team wuchs das Bewusstsein für den Ressourcenverbrauch an Holz u.a., den unsere Transporte verursachen. Je schneller wir die Dachterrasse mit Kisten/Hochbeeten bestücken können, desto schlechter, denn es sind ja „Abfälle“, die wir dort verwenden. Andere Kisten wurden aus nicht länger benötigter Ausstellungsarchitektur gebaut. Und erstmals stellt sich die Frage, wer eigentlich im Museum die Verantwortung trägt für das Entsorgen bzw. Recyceln der Materialien, die für jede Ausstellung oder Leihgabe neu angeschafft werden. Wäre es nicht sinnvoll, das von Anfang an mit in die kuratorische Planung einzubeziehen?
Jedenfalls war es für mich eine wichtige Erfahrung, alle eigens gebauten Vitrinen und Bänke und Rahmen und Wände einer Ausstellung einige Tage nach deren Ende noch stehen zu lassen in der Hoffnung, andere Museen könnten spontan dafür Verwendung haben. Ein erster Versuch, der ratlos, betretene Gesichter hervorbrachte und gleichzeitig die Freude, als ein Stück in dankbare Hände weiterwandern konnte. Auch das eine Erfahrung, die bleibt und Auswirkungen hat. Oder die Erde. Waren wir naiv zu glauben, dass in einer Stadt, die 2019 den Klimanotstand ausrief, Torferde durch keine öffentliche Hand mehr rieselt? Offenbar. Doch auch hier wurden Gespräche angestoßen, wurden Lernprozesse in beide Richtungen begonnen, auch bei denen, die nicht unmittelbar entscheiden, aber die verstehen möchten, die durch Nachfragen sensibilisieren möchten. Diese Prozesse beginnen bei uns, aber mit jeder weiteren Aktion kommen Menschen hinzu, von denen wir lernen, mit denen wir lernen. Ein scheinbar banales, kleines Projekt wie das Aufstellen erster Hochbeete, wirkte unvermutet in die Breite. Das war oft eine Überraschung und eine Lehre. Es geht uns eben nicht nur darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen, sondern eine Transformation wirklich mitzugestalten, von der wir alle etwas haben – alle Mitarbeitenden, Besucher*innen, Förderer, Dienstleister, etc.

Co-creation ist ein Begriff, der in der Transformationslehre immer wieder fällt. Gemeinsam neue Wege gehen und neue Gemeinschaften knüpfen. Hätten wir einen Dachgarten irgendwo „bestellt“, stünden wir jetzt woanders. Vermutlich sähe er schon heute imposanter aus, aber wir hätten die Erfahrung gemisst, die dazu führt, vieles andere auch zu hinterfragen und neu zu versuchen. Die Themen Abfallentsorgung, -trennung und -vermeidung, Recycling, stellen sich uns nochmal dringender nach den Erfahrungen auf der Dachterrasse. Die Themen Transporte, Ausstellungsarchitektur. Die Frage, woher unser Wasser kommt und wie gut wir eigentlich als Museum auf die Erderwärmung vorbereitet sind, auf Starkregen, auf Dürre und Stürme. Und vor allem, da stehen wir aktuell, stellt sich die Frage neu, wie wir arbeiten wollen. Denn Transformation ist kein weiterer Punkt auf der Agenda. Sie braucht Zeit für neues Wissen und für Austausch, für voneinander und miteinander Lernen, für das kreative Suchen nach neuen Lösungen. Sie stellt die Frage danach, woran wir den Erfolg eines Museums messen und legt schonungslos offen, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Klima- und Umweltschutz am Museum zu denken und danach zu handeln, fordert uns heraus, weil er uns Zusammenhänge erkennen lässt, erkennen lässt, wie das Museum ganz praktisch und real Teil eines ökologischen Systems ist und nach welchen Werten es handelt. Klima- und Umweltschutz am Museum zu denken ist aber genauso die Möglichkeit, gemeinsam zu wachsen, neue Bindungen entstehen zu lassen – innerhalb des Teams, mit Stakeholdern, mit Organisationen, die schon ein paar Erfahrungen weiter sind. Wenn am Museum Ludwig alles anfing mit der Selbstermächtigung einiger Mitarbeitenden, der Euphorie des Aufbruchs, des Gefühls der Selbstwirksamkeit, dann ist jetzt die Zeit, wie Otto Schamer schreibt, vom Egosystem zum Ökosystem überzugehen und starke Bande zu knüpfen mit allen, die Lust auf grüne Museen haben, eine Vision, Fragen, Erfahrungen, Ideen.

Wir freuen uns auf Austausch!

Kontakt: nachhaltigkeit@museum-ludwig.de