MFF Germany

#12 Alles beim Alten – Wo liegen die Grenzen des Wachstums im Museum

Liebe Klimakolumnen-Leser:innen,

Im Jahr 1972, also vor mittlerweile 50 Jahren, veröffentlichte der sogenannte “Club of Rome” seine Studie “Limits to growth” (Die Grenzen des Wachstums), in der untersucht wurde, welche Auswirkungen Wohlstand im Globalen Norden auf den Rest der Welt hat und zu welchem Zeitpunkt natürliche Ressourcen nicht mehr für die Bewohner:innen des Planeten ausreichen. [1]
Bei all den heute differenzierten und kritischen Betrachtungsweisen des Berichts[2], ließ er damals viele Menschen zum ersten Mal geschockt und auch etwas ratlos zurück. Grund hierfür war, dass Kapitalismus und Umweltzerstörung zum ersten Mal aus wissenschaftlicher Perspektive in Zusammenhang gebracht und das Ende einer 2000-jährigen Entwicklung unserer Gesellschaft proklamiert wurde. Damit legte die Studie die Weichen für ein Umdenken, ein immer stärker werdendes Umweltbewusstsein und den Einsatz von immer mehr Menschen für Klimagerechtigkeit.
Ein halbes Jahrhundert später erwärmt sich das Klima immer weiter und der Meeresspiegel steigt, die Zivilgesellschaft und vor allem jugendliche Aktivist:innen (u. a. Fridays For Future) gehen auf die Straßen und fordern unablässig die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2015.

Und was hat das nun mit Museen zu tun?

Erwähnenswert ist zunächst, dass die Veröffentlichung des Club of Rome-Berichts 1972 während einer Konferenz in einer Museumshalle der Smithsonian Institution in Washington D.C. stattfand. Museen sind also auch aus historischer Perspektive wichtige Orte der Wissenschafts- und Klimakommunikation und sollten sich auch in Zukunft verstärkt als solche verstehen!
Zudem lassen sich die Sorgen um die Entwicklungen dieser Welt auch auf zukünftige Museumsarbeit übertragen. Auch im Museum können wir feststellen, wie aufgrund kurzfristig orientierter Maßnahmen langfristig eine Entwicklung befördert wird, die nur fatal sein kann (z. B. Sonderausstellungen mit einer kurzen Laufzeit und einem verhältnismäßigen hohen Aufwand und Ressourcenverbrauch, unstrukturierte Arbeitsabläufe, die nachhaltiger Museumsarbeit entgegenwirken, kontinuierliche und nicht selten unüberlegte Vergrößerung von Museumsgebäuden und das Entstehen zahlreicher Museumsneubauten usw.)
Auf der anderen Seite ist Wachstum, allein durch das Selbstverständnis und die ICOM-Museumsdefinition, auch im Museum nicht vermeidbar, da Geschichte immer weiter fortgeschrieben wird und immer mehr Kulturgüter in Museen (auf)bewahrt werden müssen. Es müssen jedoch auch im Museum Maßnahmen zur Kontrolle des Wachstums reflektiert und immer wieder überprüft werden. Dafür braucht es allen voran eine Vision und Ziele, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind und auf die kontinuierlich hingearbeitet wird.
Auch über die Grenzen der Verteilungsgerechtigkeit müssen Kultureinrichtungen stärker nachdenken. Immer noch haben viele Menschen keinen Zugang zu Kunst und Kultur – und auch Museen werden immer noch als teils elitäre Orte ohne persönliche Bezugsmöglichkeiten wahrgenommen. Daran anschließend ist auch ein weiterer Aspekt des Wachstums für Museen und ihre gesellschaftliche Relevanz von großer Bedeutung. Besucher:innenzahlen gehören zu den wichtigsten Indikatoren für das Gelingen von gesellschaftsrelevanter Museumsarbeit und auch hier ist eine Entkopplung des ökonomischen und sozialen “Wohlstandsdenkens” notwendig. Museen sollten viel stärker reflektieren, was einen qualitativ wertvollen Museumsaufenthalt für die Besucher:innen ausmacht – und nicht nur auf die reinen Zahlen schauen. Denn auch im Museum wird “immer schneller” und “immer mehr” schon jetzt zum Problem.
Nicht nur in Bezug auf Klimaschutz, sondern auch zum Schutz unserer Kulturinstitutionen lohnt sich also ein differenzierter Blick auf unsere Vorstellungen von Wachstum. Für Museen gibt es viele Möglichkeiten, einen Bedeutungswandel und Veränderungen im Selbstverständnis zu erproben.

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Quellen:
[1] Meadows, Donella et al.: The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind. New York 1972, URL: https://www.donellameadows.org/wp-content/userfiles/Limits-to-Growth-digital-scan-version.pdf
[2] Aiolfi, Sergio: «Die Grenzen des Wachstums»: Wie konnte der Club of Rome mit seinen Untergangsszenarien so danebenliegen? Zürich 2022, URL: https://www.nzz.ch/wirtschaft/club-of-rome-die-grenzen-des-wachstums-ld.1671750

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