MFF Germany

#7 Mehr Klimaschutz = mehr Publikum?

Viele Museen befinden sich im ständigen Kampf gegen fallende oder stagnierende Zahlen an Besucherinnen und Besuchern - ganz abgesehen von den Einbrüchen der Besucherzahlen seit Beginn der Covid-19 Pandemie. Alle und Alles buhlt um die Aufmerksamkeit von Menschen - Unternehmen, Organisationen, Institutionen, Influencer:innen hier, Social Media Kampagnen da, Werbung und Unterhaltung überall. Kein Wunder, dass es vielen Museen schwer fällt bei diesem Unterhaltungswettbewerb mitzuhalten - in einem Zeitalter, in dem Aufmerksamkeit die Währung schlechthin zu sein scheint. Aber nicht nur bei Museen, sondern auch in der Gesellschaft drängen sich folgende Fragen auf: Wie können Museen heutzutage überhaupt noch relevant bleiben? Und wie können Museen vielleicht gerade über das Thema Klimaschutz eine stärkere Verbindung zu Ihrem Publikum aufbauen und neue Zielgruppen erreichen. Es soll in dieser Klimakolumne weder um eine philosophische Abhandlung zur allgemeinen Relevanz von Museen gehen (dazu gibt es bereits zur Genüge äußerst elaborierte Aufsätze), noch soll es Museen anfeuern einem weiteren Trend im oben beschriebenen Hamsterrad nachzueifern. Wir wollen hiermit eher aufzeigen, wie Museen wichtige gesellschaftliche Themen aufgreifen und sie in einen neuen, echten und erfahrbaren Bezug mit der eigenen Institution und der Lebensrealität ihres eigenen Publikums bringen können.

Die derzeit, aus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht, wichtigsten Themenkomplexe stellen die Klimakrise und der Klimaschutz dar. Immer wieder zeigen Studien und Umfragen, dass diese Themen in der deutschen Bevölkerung einen sehr großen Stellenwert einnehmen. Im Durchschnitt machen sich 80 % der Deutschen Sorgen über den Klimawandel und seine Folgen.[1] Diese sich sorgenden Menschen sind entweder bereits Teil Ihres bestehenden Museumspublikums oder könnten durch inspirierende Formate und Geschichten in Ihr Museum eingeladen werden. Nur wenn Museen sich an der Diskussion um Klimaschutz beteiligen und nur wenn Sie die Offenheit haben ihr bestehendes und potentielles Publikum besser zu verstehen, können Sie auch weiterhin einen relevanten Standpunkt in der Gesellschaft bewahren.

In einer 2021 veröffentlichten Studie von More in Common zum Thema “Wie geht Klimaschutz, der verbindet?” finden Museen viele Einblicke, was Menschen in Deutschland derzeit rund um den Klimaschutz umtreibt. In einer vorangehenden Befragung von 2019 ließen sich in der dt. Bevölkerung sechs gesellschaftliche Typen identifizieren, die “aufgrund Ihrer Werte und Grundüberzeugungen jeweils eine eigene charakteristische Sichtweise auf Gesellschaft” haben: die Offenen, die Involvierten, die Etablierten, die Pragmatischen, die Enttäuschten und die Wütenden.[2]

Die Gruppen werden wie folgt unterschieden:
  • Die Offenen (16 Prozent): Selbstentfaltung, Weltoffenheit, kritisches Denken
  • Die Involvierten (17 Prozent): Bürgersinn, Miteinander, Verteidigung von Errungenschaften
  • Die Etablierten (17 Prozent): Zufriedenheit, Verlässlichkeit, gesellschaftlicher Frieden
  • Die Pragmatischen (16 Prozent): Erfolg, privates Fortkommen, Kontrolle vor Vertrauen
  • Die Enttäuschten (14 Prozent): (verlorene) Gemeinschaft, (fehlende) Wertschätzung, Gerechtigkeit
  • Die Wütenden (19 Prozent): Nationale Ordnung, Systemschelte, Misstrauen





Die anschließende Studie (2021) kam zu folgenden Kernergebnissen, die, unserer Meinung nach, gerade auch für Museen eine wichtige Grundlage zum besseren Verständnis und für Inspirationen zur Beteiligung darstellen:
  • “[...] Die stärksten Gefühle zum Klimawandel sind Hilflosigkeit mit 45 Prozent, gefolgt von Enttäuschung (31 Prozent) und Wut (27 Prozent).
  • [...] 66 Prozent der Befragten sprechen sich für mehr Vorschriften und Regeln aus, damit jeder von uns genug für den Klimaschutz tut.
  • Obwohl die allermeisten Menschen über mehr Klimaschutz nachdenken und das Thema verbindendes Potenzial hat, nehmen 80 Prozent der Befragten die öffentliche Klimadebatte häufig als spaltend wahr und meiden oft Gespräche über Klimathemen im privaten Umfeld. 70 Prozent sagen, dass die meisten Menschen in Deutschland den Klimawandel nicht ernst genug nehmen.
Für die Menschen ist Klimaschutz besonders attraktiv, wenn es nicht nur um Verzicht oder ein “Verlustgeschäft” geht, sondern wenn damit auch eine erkennbare Stärkung oder Bereicherung des Gemeinwesens einhergeht. So befürworten 84 Prozent aller Befragten die Einführung eines kostenlosen öffentlichen Personennahverkehrs.”
[3]





Derzeit ist festzustellen, dass “Klimadebatten” immer noch vornehmlich um die Gruppen an den gesellschaftlichen Polen geführt werden oder zumindest dort eine starke mediale Aufmerksamkeit zu erkennen ist. Wie können also gerade Museen diese vorgestellten Erkenntnisse nutzen um konstruktiven, verbindenden und positiven Einfluss auf die Klimadiskussion zu nehmen? Hier ein paar inspirierende Fragen mit denen Sie als Institution oder Beschäftigte starten können:

  • Wie setzt sich unser bisheriges Publikum zusammen?
  • Welche Werte sind unseren Besucher:innen wichtig?
  • Welche zusätzlichen Gruppen könnten wir ansprechen und so vielleicht gerade mit diesem wichtigen Thema in unsere Institution einladen? Welche Wertvorstellungen muss ich dann in meiner Kommunikation einbeziehen?
  • Welche Geschichten können wir mit unserer Sammlung erzählen, die bisher kontroverse Aspekte der Klimadebatte anders aufgreifen? Wie können wir aus spaltenden Diskussionen einen Dialog um Gemeinsamkeiten entstehen lassen?
  • Wie kann ich Hilflosigkeit und Wut als dominierende Gefühle ablösen, nutzen oder umwandeln, um Menschen auch Zuversicht und Selbstwirksamkeit zu vermitteln?
  • Welche Geschichten können wir wie erzählen, um Klimakrise und Klimaschutz für Menschen konkret erfahrbar zu machen?
  • Was bewegt Menschen hier in unserer Gemeinschaft und wie können Lösungen für diese Probleme aussehen, die Klimaschutz einschließen?

Unsere Einladung steht, liebe Kollegen und Kolleginnen. Wir sind fest davon überzeugt, dass eine konstruktive Auseinandersetzung mit diesem gesellschaftsbestimmenden Thema nicht nur Sicherheit und Stabilität für das Ökosystem Erde bringt. Sie stellt auch eine Chance für Museen dar, sich auf eine neue Art und Weise mit Ihrer Sammlung und Geschichte auseinanderzusetzen, eine stärkere Verbindung zu ihrem Publikum aufzubauen und liefert gleichzeitig auch die Chance sich neu zu erfinden und weiterhin relevant zu bleiben. Also, entfliehen wir gemeinsam dem Gefühl der Hilflosigkeit und kommen in die aktive Umsetzung!

Quellen:
[1] https://www.moreincommon.de/klimazusammenhalt/ vom 14.11.2021
[2] https://www.moreincommon.de/media/leapg0va/more_in_common_studie_klima_zusammenhalt.pdf Seite 7
[3] Siehe [1] für gesamte folgende Aufzählung.

Gafiken: https://www.moreincommon.de/media/leapg0va/more_in_common_studie_klima_zusammenhalt.pdf