MFF Germany

#13 Ein Baum und ein Mensch im Museum…

Die Einen blicken auf einen Baum und sehen eine Ressource zum Bauen, zum Verbrennen, zum Werkzeug fertigen, zum Kohlendioxid speichern, zum Sauerstoff produzieren, zum Schatten spenden, ein Objekt. Die Anderen schauen auf einen Baum und sehen ein Kunstwerk, ein Naturwerk, ein Lebewesen, ein Mysterium, ein Subjekt. Und natürlich ist, wie bei vielen Dingen im Leben, nicht alles Schwarz und Weiß. Je nach Kontext ändert sich unsere Wahrnehmung und Sichtweise. Schreibe ich die Notizen des letzten Meetings noch schnell auf ein herumliegendes “Schmierpapier”, denke ich wohl selten daran, dass dies einmal ein lebendiger Baum in einem Wald war. Auf einer Herbstwanderung durch das Elbsandsteingebirge hingegen bin ich entzückt von der Farbenpracht des Laubes, rieche die ätherischen Öle der Nadelhölzer, fühle den luftigen, von Pilzen durchwobenen Waldboden unter meinen Füßen und staune über dieses lebendige Wunderwerk der Natur. Dieselben chemischen Moleküle in unterschiedlicher Form, in unterschiedlichem Kontext. Wir fragen uns in dieser Klimakolumne: In welchem Verhältnis stehen Mensch und Baum? Wie ist es um die Bäume auf unserem Planeten bestellt? Was hat dieses Verhältnis mit der Klimakrise zu tun? Und wie können Museen mit Ausstellungen zu Aufklärung, Reflexion und Verbindungen mit Natur beitragen?
Um uns diesen Fragen anzunähern, laden wir Sie zu unseren Reflexionen über die Ausstellung Cambio - Baum, Holz, Mensch von Formafantasma ein, die vom 3. Dezember 2021 bis 8. Mai 2022 im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen war. Konzipiert wurde die Ausstellung vom italienischen Designstudio Formafantasma, ein “forschungsbasiertes Designstudio, welches die ökologischen, historischen, politischen und sozialen Kräfte untersucht, die die Disziplin der Gestaltung heute formen.” [1] Wir betreten einen großen Raum und stehen direkt vor einer Wand, einer Bretterwand. Bis in schwindelerregende Höhen stapeln sich unzählige Bretter und zeigen den Aufbau für den zehnjährigen Trocknungsprozess von Hölzern im Sägewerk (Abb. 1). Es erscheint wie ein “künstlerisches Bauwerk”, das exemplarisch “natürlich” für einen winzigen Bruchteil der verarbeiteten Hölzer auf der ganzen Welt steht. Die Videoinstallationen, die folgen, liefern die Zahlen und historischen Hintergründe zur entsprechenden Holzindustrie. “Die Entwicklung dieses Handelszweigs im Laufe der Zeit und seine spektakuläre Ausbreitung über den gesamten Erdball erschweren seine nachhaltige Regulierung und Bewirtschaftung. Den Beginn dieser Entwicklung markiert die koloniale Suche nach neuen Rohstoffen im 19. Jahrhundert, aus der in der Folge eine der größten Industrien der Welt hervorging - sowohl, was ihre Unternehmensumsätze anbelangt, als auch ihre zunehmend negativen Auswirkungen auf den Planeten.” [2] Durch die gesamte Ausstellung hinweg ziehen sich Querbezüge zu Klimakrise und Kolonialismus und ihre häufig wenig sichtbare Fortsetzung im Heute: von den detaillierten naturwissenschaftlichen Untersuchungsberichten zur Bestimmung und Herkunft von Holzarten und deren Raubbaurisiko (Abb. 2), über die Holzmuster, die auf den Weltausstellungen von 1851 und 1862 in London gezeigt wurden (Abb. 3) bis hin zu Videoarbeiten über massive Abholzungsmaßnahmen in Regenwäldern für die Rinderzucht. Durch den Ausstellungsbesuch wird uns wieder deutlich: Koloniale und imperialistische Strukturen haben die Klimakrise befeuert; indigenen Menschen wurde und wird ihre Heimat geraubt, Biodiversität und Lebensräume werden dezimiert, Waldflächen werden in globalem Maßstab abgeholzt, wodurch CO2-Emissionen freigesetzt werden. Rinderzucht, die auf oder durch diese Flächen industriell betrieben wird, führt zu weiteren Emissionen hochpotenter Treibhausgase (Methan und Lachgas) und zusätzlich verunreinigen die Ausscheidungen der Rinder Gewässer. Durch diese Emissionen kommt es noch häufiger zu Waldbränden oder heftigen Stürmen, noch mehr Emissionen werden freigesetzt. Ein nicht enden-wollender Teufelskreis, der verdeutlicht, worum es bei den Forderungen nach Klimagerechtigkeit geht: nämlich darum, aus unserer (Kolonial-)Geschichte zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und ein gerechteres Zusammenleben zu schaffen.


Der einfache Malerpinsel aus Deutschland (Abb. 2) fasst für uns tragischerweise viele der angesprochenen Probleme und deren koloniale Ursprünge zusammen. Ein Produkt, das wahrscheinlich schon jede und jeder von uns einmal in der Hand gehalten hat, kein Alltagsgegenstand, aber ein schlichtes Werkzeug, das häufig auf wundersame Weise verschwindet oder durch schlechte Reinigung oder Verarbeitung nach nur kurzer Zeit nutzlos wird und für wenige Euro im nächsten Baumarkt nachgekauft werden kann. Holzmikroskopische Untersuchungen an diesem speziellen Ausstellungsstück zeigen, dass es sich bei der verwendeten Holzart um Gonystulus spp (Handelsname Ramin) handelt. Eine Holzart, die hauptsächlich im indomalayischen Raum (West Borneo) anzutreffen ist und “durch illegalen Handel und Lebensraumzerstörung bedroht” ist. [3] So können also auch hier kolonialistische Strukturen, illegale Praktiken, Abholzung und Klimakrise in einem kleinen Gegenstand im wahrsten Sinne des Wortes greifbar werden.
Ebenfalls besonders anschaulich wird das Thema Klimakrise im Ausstellungsmobiliar selbst, das einen besonderen Bezug zum Ausstellungsthema hat. Formafantasma verwendete für die Ausstellungsdisplays und Sitzgelegenheiten einen Baum aus dem Val di Flemme im italienische Trentino. 2018 wurden hier 13 Millionen Bäume (!) vom Sturm Vaia entwurzelt und zerstört. Aufnahmen der Verwüstung sind ergänzend dazu als Videoinstallation in der Ausstellung zu sehen. Dadurch bekommt die ganz zu Beginn angesprochene Betrachtung von Bäumen eine konkrete, ganzheitliche Ebene in der Ausstellungsgestaltung.
Der aber wohl beeindruckendste Teil der Ausstellung ist für uns die Videoinstallation (Quercus, 2020, Formafantasma, Kollaboration Emanuele Coccia, Paris) im Zentrum des Raumes, die durch Größe und Ton wohl auch das Herzstück der Ausstellung darstellt. Der Film zeigt einen manipulierten Lidar-Scan eines Eichenwaldes in Virginia (Lidar = “light detection and ranging”, dt. Lichterkennungs- und Abstandsmessung). Während man durch die an Sternenkonstellationen erinnernden Datenpunkte schwebt, spricht auf der Tonspur ein imaginärer Wald zu den menschlichen Zuhörer:innen. Der Text des Philosophen und Botanikers Emanuele Coccia ergründet in sanfter Stimmlage tiefe Bezüge zwischen Bäumen und Menschen. “Atmen heißt in unsere Welt eintauchen…” spricht der Wald und erklärt auf simple Art und Weise, wie abhängig wir und das gesamte Ökosystem Erde von intakten Wäldern sind. Es wird aufgezeigt, wie tief unsere Verbindung als Mensch zu Bäumen ist: das Vorhandensein von Daumen, die Fähigkeit zur Tiefenschärfe in unserem Sehen, die besondere Empfindlichkeit unserer Farbrezeptoren im Auge im grünen Teil des Lichtspektrums, Werkzeugherstellung, die Entdeckung des Feuers... Eine Kultur- und Menschheitsgeschichte ohne Bäume ist auf unserem Planeten nicht vorstellbar.
Kein Wunder, dass sich daran ein Teil der Ausstellung anschließt, der sich mit Gesetzestexten, internationalen Abkommen und Protokollen mit Waldnutzung und -erhaltung auseinandersetzt und auch eine Version der “Universellen Erklärung der Rechte der Bäume” aufzeigt.[4] Diese Erklärung folgt aus den Bestrebungen, natürlichen Entitäten Rechte, vergleichbar mit den Menschenrechten, einzuräumen, so wie es z.B. 2008 in Ecuador mit einer Erweiterung der Verfassung um Rechte der Natur [5] oder im Februar 2019 mit der Anerkennung von Rechten des Eriesee in Nordamerika [6] geschehen ist. Ein kulturell, philosophisch und juristisch höchst spannendes Konzept, das Museen gerade im Kontext der Klimakrise aufgreifen und kreativ kontextualisieren könnten und sollten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese insgesamt wirklich interessante, kleine Ausstellung viele komplexe Sachverhalte und Verbindungen abbildet. Sie macht Kolonialismus, Klimakrise und das Verhältnis zwischen Mensch und Natur sehr konkret und anschaulich am Beispiel des Waldes sichtbar. Überzeugt hat uns der ganzheitliche Blick und die interdisziplinäre, vielschichtige Zusammenarbeit von Menschen aus “Botanik, Forstwirtschaft, Klimatologie, Ingenieurwesen, Umweltpolitik, Kunst und Philosophie”.[7] Wir fühlen uns inspiriert durch diese Ausstellung und sehen viel Potential für andere Museen und Künstler:innen, viele dieser Themen weiterzuverfolgen.
Und natürlich haben wir auch gewagt, weiter zu träumen… Was hätten wir von Museums For Future uns noch zu diesem Ausstellungsthema vorstellen können? Gewünscht hätten wir uns konkrete Bezüge zu lokalen Gruppen und Möglichkeiten, um sich als Besucher:in mit dem Thema weiter aktiv zu beschäftigen oder ins Handeln zu kommen: Gibt es in Zürich, der Schweiz oder in Europa Initiativen, denen man sich anschließen kann oder die man unterstützen kann? Gibt es derzeit lokale Bürgerbegehren, die etwas mit dem Thema Wald zu tun haben? Wie ist es um die Schweizer Wälder bestellt? Was bedeutet die Klimakrise für die Natur in der Schweiz? Welche historische Verantwortung trägt die Schweiz, wenn es um die Klimakrise geht? Was tut man konkret gegen Abholzung und wie ist einer der lukrativsten Wirtschaftszweige, die “Schweizer Banken”, damit verbunden? Viele Fragen, bei denen wir nicht erwarten, in einer einzigen Ausstellung alle Antworten zu bekommen, aber dennoch hoffen, dass diese Denkanstöße konstruktiv weitergedacht werden. Diese politischen Fragen zu stellen, erscheint womöglich unbequem, doch ist es nicht auch die Aufgabe von Kunst und Museen unbequeme Fragen zu stellen? Zumal die Aussicht auf einen lebensfeindlichen Planeten definitiv unbequemer ist! Neben diesem Diskurs hätten wir uns auch verstärkt positive Handlungsempfehlungen vorstellen können: Wie wäre es mit Vermittlungsangeboten, die vom Waldbaden bis zum Blick durchs Mikroskop reichen? Wie wäre es mit dem Angebot, in einer gemeinsamen Aktion lokal Bäume zu pflanzen? Wie wäre es mit einer Lesung aus einem der zahlreichen Bücher oder Gedichte über die wunderschönen Wälder der Schweiz und der Welt?[8] Wie wäre es mit einer Filmvorführung darüber, wie indigene Menschen Natur als beseelte Lebewesen verstehen? [9] Viel weiteres Potential für eine bereits gelungene Ausstellung. Wir hoffen, dass diese Ausstellung und vielleicht auch wir viele Museumskolleg:innen zur Nachahmung und zum Weiterdenken inspirieren konnten und schließen mit einem wichtigen Satz von einer der Ausstellungstafeln: Es “[...] ist ein grundlegender Perspektivwechsel vonnöten, wenn wir nach radikaleren Möglichkeiten suchen, diese komplexen Ökosysteme zu schützen und mit ihnen zu leben. Voraussetzung dafür sei, dass Menschen und Bäume untrennbar miteinander verbunden sind.”[10]
-      A. K.

Viele weitere Informationen zur Ausstellung, zu den Hintergründen und zu Kollaborationen (Interviews) finden sie hier: www.cambio.website
Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit den Serpentine Galleries, London, präsentiert und von Hans Obrist und Rebecca Lewin kuratiert. Die Züricher Ausstellung wurde mit neuen Exponaten aus der unmittelbaren Umgebung erweitert.

Quellen:
[1] Übersetzt aus dem Englischen. Original: “Formafantasma is a research-based design studio investigating the ecological, historical, political and social forces shaping the discipline of design today.”, Quelle: https://formafantasma.com/ vom 9.5.2022.
[2] Auszug aus Begleitblatt zur Ausstellung.
[3] Ergebnisse aus einem ausgestelltem Untersuchungsbericht (Thönen-Institut, Hamburg, Deutschland). Zusätzliche Informationen zu Ramin: https://www.wwf.at/artenlexikon/ramin/ vom 9.5.2022.
[4]http://www.cambio.website/wordpress/wp-content/uploads/2020/03/4-Universal-Declaration.pdf und Interview mit Philipp Pattberg, VU Institute for Environmental Studies, Amsterdam, Netherlands auf http://www.cambio.website/ vom 9.5.2022.
[5]”The rights of Nature: A Global Movement” (Isaak Goeckeritz, Premiere des Dokumentarfilms bei Dok.fest München, Dt), https://www.youtube.com/watch?v=kuFNmH7lVTA vom 16.5.2022.
[6]https://www.theguardian.com/books/2019/nov/02/trees-have-rights-too-robert-macfarlane-on-the-new-laws-of-nature vom 9.5.2022.
[7] Siehe 2.
[8] Siehe auch Peter Wohlleben “Das geheime Leben der Bäume”.
[9] Sehr empfehlenswertes Buch dazu: Robin Wall Kimmerer “Geflochtenes Süßgras - Die Weisheit der Pflanzen” und mehr zum Thema “Forests & Climate Change” https://climate.mit.edu/explainers/forests-and-climate-change vom 9.5.2022.
[10] Zitat von Emanuele Coccia auf Ausstellungstafel zu Videoinstallation Quercus, 2020.

Bei Anmerkungen oder zum Austausch, wenden Sie sich gerne an germany@museumsforfuture.org