MFF Germany

#11 Das aktivistische Museum

Was ist und was kann ein aktivistisches Museum sein? Darf ein Museum Aktivist*in sein? Wie kann Aktivismus im Museum aussehen? Diesen Fragen widmet sich die elfte Klimakolumne.

Das Museum ist als öffentliche Institution durch die globalen Entwicklungen im 21. Jahrhundert mehr denn je herausgefordert. Es trägt Verantwortung, weil es eine Institution ist, die Geschichte schreibt, die Bedeutungen generiert und die maßgeblich mitbestimmt, wie Gesellschaft wahrgenommen wird. Das Museum ist, so schreiben die Museumswissenschaftler Robert R. Janes und Richard Sandell, eine Institution für die Gesellschaft, „a resource belonging to and affecting the whole of a community“. [1] Aktivismus im Museum verstehen sie als Teil musealer Praxis, die stets auch von politischem, sozialem und ökologischem Wandel geprägt ist. [2]

Museum und Aktivismus. Ein Widerspruch?
Oftmals werden Bedenken geäußert, dass Aktivismus im Widerspruch zur scheinbaren Neutralität von Museen steht. Die Idee eines angeblich neutralen Museums ist aber nur schwer nachvollziehbar. Museen sind per se politische Institutionen. Solange das Museum von Menschen geführt wird, kann es nicht neutral sein. Durch ihre Themenwahlen, Ausstellungen, Forschungen, Geschichten, die erzählt (oder nicht erzählt) werden, prägen Museen Geschichtsverständnisse, sowie Vorstellungen von Differenz, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Museen sind zudem immer häufiger von Unternehmen, Stiftungen oder privaten Geldgeber*innen finanziell abhängig und können es sich oftmals nicht leisten, diese durch ihre inhaltliche Ausrichtung zu verärgern.

Wie kann Aktivismus im Museum aussehen?
Aktivismus im Museum muss nicht zwingend bedeuten (so oftmals die Annahme), dass die Mitarbeiter*innen an einem globalen Klimastreik teilnehmen. Ein aktivistisches Museum könnte sich dadurch auszeichnen, dass es Räume öffnet, in denen gegensätzliche Positionen zulässig sind. Robert R. Janes bezeichnet aktivistische Museen als kulturelle Agent*innen, die eine Offenheit mitbringen, sich in ihrer Tätigkeit durch äußere Einflüsse lenken und beeinflussen zu lassen, sowie auf Interessen und Bedenken von Bürger*innen zu reagieren. [3]
Die Archäologin und Museumswissenschaftlerin Jennie Carvill Schellenbacher versteht aktivistische Museen als Museen, die eine Haltung verfolgen, an der sie ihre Besucher*innen teilhaben lassen. Die Positionierungen zu unterschiedlichen Themen sollten öffentlich sichtbar und in den Handlungsentscheidungen und der inhaltlichen Arbeit und Auseinandersetzung von Museen sichtbar werden. [4]
Aktivist*innen im Museum können sich aber auch darum bemühen, Organisationsstrukturen neu zu denken, Hierarchien abzubauen, Mitarbeiter*innen mehr Raum zu geben, um eigene Visionen zu verfolgen.
Aktivismus im Museum kann möglicherweise auch durch nachhaltiges und energieeffizientes Sammeln sichtbar werden - vielleicht in dem Sinne, als dass nicht mehr gesammelt werden darf als bearbeitet werden kann. Zudem kann die bestehende Sammlung und das Wissen über die Sammlung neu betrachtet werden, mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

Klimagerechtigkeit im Museum diskutieren
Bis auf wenige Ausnahmen reagieren Museen selten auf globale Krisen. Oftmals bestimmen andere Themen ihren Arbeitsalltag. Das Museum hätte bereits ein Ort sein können, an dem eine Auseinandersetzung mit den frühen Warnungen des Klimawandels und seinen sozialen, ökologischen und ökonomischen Folgen stattfindet. Museen können die Klimakrise nicht allein lösen, aber sie können Orte sein, an denen kritisch über Klimagerechtigkeit diskutiert und eine andere, bessere Zukunft gedacht wird. Sie können Orte sein, an denen gemeinsam mit der Gesellschaft Visionen entwickelt und verfolgt werden.

Das Museum läuft Gefahr, sich selbst abzuschaffen, wenn es das, was rundherum passiert, weiter ignoriert. Ein nachhaltiges, ein relevantes Museum reagiert auf lokale und globale Krisen und überdenkt den gesellschaftlichen Sinn musealen Handelns.


[1] Robert R. Janes, Richard Sandell (Hg.): Posterity has arrived. The necessary emergence of museum activism. In: dies.: Museum Activism, London, New York 2019, S. 17.
[2] Vgl. ebd., S. 1.
[3] Vgl. ebd., S. 15-16. 
[4] Vgl. Jennie Carvill Schellenbacher: Empowering Change: Towards a Definition of the Activist Museum: https://museum-id.com/empowering-change-towards-a-definition-of-the-activist-museum/ vom 1.4.2022.